Die Kunst der Äschenzucht
Der Fischereiverein Werdenberg betreibt im St. Galler Rheintal eine erfolgreiche Äschenzucht. Die Zeitschrift «Petri-Heil» liess sich die beeindruckende Hegearbeit von Präsident Herbert Ertl vorstellen.
von Gernot Grabher
«Fehler macht man ja heutzutage nicht mehr, man sammelt nur neue Erfahrungen», antwortet Präsident Herbert Ertl hintergründig lächelnd auf meine Frage, ob es für «Amateure» nicht eine gewaltige Herausforderung sei Äschen zu züchten. Die Äsche in Brutanstalten aufzuziehen gilt als schwierige Kunst. Viele Versuche schlugen fehl. Nicht nur Vereine, sondern auch Profis gaben auf. Aber die Äschenfans des FV Werdenberg haben die Probleme mit Geschick und Ausdauer gelöst. Jährlich verlassen Tausende kleiner Äschen gesund und munter ihre Zuchtanlage. Zum «Mekka» der Äschenzüchter führen schmale Feldwege in der Ebene zwischen Buchs und Sevelen. Vorbei an weiten Äckern erreicht man den Böschengiessen, ein klarer Wiesenbach und die Lebensader der Zucht. Eine gemütliche grosse Hütte aus braunem Holz, davor gegen die Reiher mit Netzen überspannte Becken, daneben ein Zubau, dessen Öffnungen mit Drahtgittern gesichert sind, denn die zahlreichen Eisvögel holten sich die Jungäschen selbst aus den dort stehenden Rundstrombecken… In den Schoss gelegt wurde den Werdenbergern der Erfolg in der Äschenbewirtschaftung nicht. «Es braucht Wissen, Wollen, Können und dann vor allem das Tun», formuliert es Herbert Ertl gewohnt griffig. Das erste Wissen holte sich der Verein bei spezialisierten Zuchtbetrieben im Tirol und in Bayern. Das Wollen ist Sache idealistischer Mitglieder. Das Tun erfordert eine Unzahl von Stunden freiwilligen Einsatzes. Das «technische Team» betreut die umfangreiche Anlage das ganze Jahr über und schaut täglich zum Rechten. Marcel Göldi leitet die Fischzucht, Philipp Scherrer zeichnet für die Sicherheit der Wasserversorgung verantwortlich.
Wenn in der Simmi Hochzeit ist
Blühen im Frühjahr die ersten Schlüsselblumen an den Bächen, werden die Werdenberger nervös. Die gelben Blüten sind nämlich das untrügliche Zeichen dafür, dass die Äschen in Hochzeitsstimmung kommen. Jetzt rückt die Simmi, ein Nebenbach des Binnenkanals, in den Fokus. In diesen Bach ziehen alljährlich Scharen laichwilliger Äschen aus dem Kanal ein. «Oberhalb stehen die Weiber, zweihundert Meter darunter warten die Männer », schildert Ertl das Schauspiel. «Aber sobald die Rogner mit dem Ausschlagen von Laichgruben beginnen, dann hält die Milchner nichts mehr.» Dies ist der geeignete Zeitpunkt für das Abfischen des wichtigen Wildfangs, den die Werdenberger mit ihren gehälterten Elterntieren kreuzen, um die genetische Vielfalt zu sichern. «Es ist uns gelungen, Äschen aus sechs Jahrgängen in Fliessgräben und sogar in Rundstrombecken zu halten», ist Ertl stolz. Abgefischt wird in der Simmi aber nur eine kurze Strecke. «Den Rest begehen wir nicht, das würde die Naturverlaichung stören.» Und bei der Gelegenheit hält Ertl auch noch ein Plädoyer für den Alet. «Es wird immer wieder behauptet, der Alet fresse die Äscheneier.» Das stimme insofern nicht, als die befruchteten Eier schnell in die Kiesschicht der Laichgruben eindringen und für den Alet nicht mehr erreichbar sind. «Der Alet erwischt fast ausschliesslich unbefruchtete Eier, die abgeschwemmt werden », meint Ertl.
Streifen ist heikel
Für das Streifen der Rogner ist ein einfühlsames «Händchen» nötig. «Lange am Bauch herumdrücken bringt nichts», sagt Ertl. «Im Idealfall sollten die Eier praktisch aus der Bauchhöhle fallen, wenn man die Weiber nur ein bisschen schüttelt. » Beim Befruchten ist zudem Eile geboten. Die Äscheneier quellen in Sekundenschnelle, und dann können die Samenfäden der Milchner die Eihülle nicht mehr durchdringen. «Leider vertragen die Äschen auch das Anfassen nicht gut», mussten Ertl und sein Zuchtteam erfahren. «Trotz Handschuhen und Desinfektionsmitteln kommt es zu Verpilzungen und damit jedes Jahr zu Ausfällen.» In einer Batterie von Zugergläsern, durch einen Vorhang abgedunkelt, erbrüten die Werdenberger den Äschenlaich. Dann kommen die Eier zum Schlupf auf Siebe. Die Larven fallen durch und landen in Trögen, wo sie vorerst noch von ihrem Dottersack leben. Ist der aufgebraucht, kommt die heikelste Phase. «Friss oder stirb», heisst es nun. Die winzigen Äschen müssen lernen, Nahrung aufzunehmen. Viele Zuchtversuche scheitern in dieser Phase. Die Werdenberger haben für ihre kleinen «Fahnenträgerinnen» ein besonderes Menü parat. In einer Kaffeemühle werden Koifutter – «das ist auch noch sündteuer» – und gefrorenes Plankton gemahlen oder in einem kleinen Mörser zu Pulver zerstossen. Ein Blick in die Futterküche macht klar, wie genau es beim Füttern bei den Werdenbergern zugeht, zugehen muss! Jede nach Plan verabreichte Portion wird schriftlich festgehalten, je nach Lebensalter der Fische die Zusammensetzung und Körnung angepasst. Es muss den Fischlein schmecken, denn in den Becken des Vereins tummeln sich tausende Nachwuchsäschen. Über 7000 topfitte Jährlinge können die Werdenberger pro Saison in die eigenen Gewässer aussetzen. Auch die Nachfrage anderer Vereine nach Besatzfischen ist mittlerweile gross. Man führt eine Reservierungsliste…
Ein «Unbequemer»
Herbert Ertl will mit seinen Werdenbergern unabhängig bleiben, sich weder von selbsternannten Fischereiexperten oder Kantonsgewaltigen viel dreinreden lassen. Subventionen können ihn nicht für Dinge ködern, von denen er nicht überzeugt ist. Oberstes Gebot für Ertl: «Die Fische brauchen heute vor allem geeigneten Lebensraum, dafür müssen wir Fischer uns einsetzen!» Und weil es im Rheintal in dieser Hinsicht weiterhin düster aussieht, widmete er den Politikern und Behördevertretern bei seiner letzten Jahresversammlung noch ein Zitat: «Wie oft schon hörte ich dich sagen, du würdest grosse Dinge wagen! Und wieder ist ein Jahr vorbei . . . doch du, mein Freund, warst nicht dabei.»