Werdenberger Fischer wollen weiterhin die stark gefährdete Äsche züchten Nach dem grossen Fischsterben im Juli prüft der Fischereiverein Werdenberg die Bohrung zusätzlicher Grundwasserbrunnen für die Aufzuchtanlage am Böschengiessen in Sevelen. Mittels einer Vorprüfung klärt der Fischereiverein (FV) Werdenberg derzeit beim Kanton ab, ob bei der Aufzuchtanlage am Böschengiessen Grundwasserbrunnen gebohrt werden können. Dies ist nötig, weil seit einiger Zeit die Versorgung der Fische mit ausreichend Wasser durch den Böschengiessen nicht mehr gewährleistet ist. In der Aufzuchtanlage des FV ist im vergangenen Juli ein Grossteil des Bestandes eingegangen, wegen Sauerstoff- und Wassermangel (der W&O berichtete). Die Verantwortlichen sahen dieses Problem seit einigen Jahren kommen. Als Grund nennen sie unter anderem etliche Biberdämme und der daraus resultierende Wassermangel im Böschengiessen. Begehung vor Ort fand ohne Fischer statt Trotz Interventionen beim Kanton, auch nach dem Fischsterben im Juli, ist seither bedauerlicherweise nicht viel passiert, wie die Präsidentin des FV Werdenberg, Regula Jost, gegenüber dem W&O sagt. Es habe zwar eine Begehung der Situation vor Ort stattgefunden mit Vertretern der Gemeinde, des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei (ANJF), des Amtes für Wasser und Energie (AWE), des WWF, von Pro Natura und Landwirten – jedoch ohne Vertreter des FV Werdenberg. An einer Sitzung mit ANJF‑, AWE- und Gemeindevertretern Mitte Oktober konnten Vorstandsmitglieder des FV ihre Sichtweise darlegen. Probleme des Gewässers erläutert Während die Werdenberger Fischer die Haltung des ANJF «nicht ganz verstehen», fühlt man sich vom AWE unterstützt. «Die Vertreter des AWE haben uns die Ergebnisse der Messstelle vorgestellt und erläutert, wo sie die Probleme beim Bach sehen», sagt Kassierin Doris Stauffacher. Diese sind neben klimabedingten Veränderungen die verringerte Fliessgeschwindigkeit aufgrund der Aufstauung durch Biberdämme und die dadurch entstehende Verschlammung, welche Wasseraufstösse in den grundwassergespiesenen Böschengiessen vermindert. Zusätzlich versickert Wasser seitlich in den Boden der Kulturlandschaften und Wälder. Durch die erhöhte Lage des Baches exfiltriert das Wasser in die tiefer gelegenen Gewässer Sevelerbach und Werdenberger Binnenkanal. Durch Seenbildung wird das Wasser wärmer, was zu mehr Algen führt. Durch den Abbau dieser sinkt der Sauerstoffgehalt, was wiederum ein Problem für die Fische ist. Vorstandsmitglied Christian Schwendener: Der Bericht des AWE hat uns darin bestätigt, was wir schon länger vermuteten. Diskutiert wurde auch der Vorschlag des ANJF, die Aufzuchtanlage aufzulösen. Das möchte der Vorstand des FV aber nicht. Schwendener sagt: «Die Anlage ist in Privatbesitz, sie gehört dem FV. Wir haben vom Veterinäramt eine Bewilligung bis 2032, Wasserrecht bis 2028 und einen Pachtvertrag der Ortsgemeinde Sevelen bis 2029.» Mindestens bis dahin möchten wir die Anlage auch betreiben. Neben der Tatsache, dass man in den vergangenen 30 Jahren viel Herzblut und fast 600’000 Franken investiert hat, erfüllt die Anlage für den Verein mit rund 250 Mitgliedern wichtige Aufgaben. Einerseits werden hier zugekaufte Forellen gehalten, bevor sie in die Gewässer eingesetzt werden. So können wir beobachten, ob sie gesund sind. Auch wenn wegen Hitze oder Bauvorhaben Gewässer abgefischt werden, finden die Fische hier ein vorübergehendes Zuhause. Andererseits – und dies liegt dem Vorstand besonders am Herzen – züchtet der FV hier seit 30 Jahren Äschen. Ein Fisch, der in der Schweiz auf der roten Liste der gefährdeten Arten als stark gefährdet eingestuft ist. Zwar gibt es in der Region intakte Äschengewässer von nationaler Bedeutung. Ein Eingriff in die natürliche Fortpflanzung ist hier derzeit nicht nötig. Mit der Zucht unterstützen die Werdenberger aber andere Vereine, welche die Äsche fördern möchten. Der Vorstand des FV möchte deshalb an der Anlage festhalten und mindestens vier der insgesamt sechs Gräben betreiben können, auch wenn der Böschengiessen zu wenig Wasser führt. Varianten wurden geprüft. Gelandet ist man vorläufig bei zusätzlichen Grundwasserschächten. Derzeit wartet der FV auf das Ergebnis der Vorprüfung. Bei positivem Resultat will man möglichst schnell ein Baugesuch für die 10 bis 14 Meter tiefen Bohrlöcher eingeben. Verein kann Finanzierung nicht stemmen Wie diese zusätzliche Wasserbeschaffung finanziert werden soll, ist noch nicht geklärt. Der Vorstand rechnet mit Kosten in der Höhe von rund 80’000 Franken. Christian Schwendener spricht Klartext: Der Verein kann dies nicht stemmen. Wir sind auf Spender und Stiftungen angewiesen, die genau wie wir den Erhalt der Äsche unterstützen möchten. Neben den Erstellungskosten werden auch horrende Stromkosten von rund 20’000 Franken pro Jahr dazukommen. Lohnt sich das noch für den Verein? Doris Stauffacher: Ich bin der Meinung, es lohnt sich auf jeden Fall, dass wir weitermachen. Um den genetischen Stamm der Äsche aus unserer Region und das angeeignete Wissen um die Äschenzucht zu erhalten. Der FV sei in Fischereikreisen bekannt für seine einzigartige Muttertierhaltung. Wichtigkeit der Äschenzucht soll künftig miteinbezogen werden Weil es «eigentlich verrückt ist, dass wir mit Strom Fische züchten müssen, direkt neben einem Bach», steht für den FV an erster Stelle, dass sich der Böschengiessen wieder erholen kann. Um eine Sicherheit zu haben und damit sich auf keinen Fall die Havarie vom Juli wiederholt, will man nun aber in sicherheitsstiftende Grundwasserbrunnen und ein Überwachungssystem investieren. Am Dienstag fand auf Einladung des Wildhüters Sepp Koller und des kantonalen Biberbeauftragten Nathan Rudin vom ANJF eine Besichtigung der Äschenzucht statt. Anwesend waren auch Vertreter von WWF und Pro Natura. «Wir konnten unsere Probleme schildern und in einem konstruktiven Gespräch wurden mögliche Lösungen besprochen», sagt Christian Schwendener. Die Wichtigkeit der Äschenzucht wird nun in die Interessenabwägung des Kantons und der Umweltverbände bei der Beurteilung der Biberproblematik am Böschengiessen miteinbezogen.